RÜSSELSHEIMER ECHO Seite 15

 

Freitag/Samstag 30.April / 1.Mai 1999

 

Streiflichter aus dieser Stadt

 

Eugen Kerpen und Karl-Heinz Quetsch: 70 Jahre Spiel der Könige

 

Von Willi Hofmann

 

„Das königliche Spiel hat alle Eigenschaften, die auch in der Schule, Universität und im Beruf notwendig sind. Kreativität, ein scharfer Verstand, Geduld und Selbstvertrauen. Schach stählt den Geist und erfordert höchste Konzentration bei vier bis sechs Stunden Spielzeit unter Turnierbedingungen". So Eugen Kerpen (74), pensionierter stellvertretender Controller (Finanzwesen) der Adam Opel AG, Vorsitzender und Denker des Schachverein 1929 e.V. Rüsselsheim über mehr als zwei Jahrzehnte, Träger des Silbernen Stadtwappens für seine Verdienste.

 

Mit seinem Vorstandsteam bereitet er jetzt die Feier des 70jährigen Vereinsbestehens vor, in dessen Mittelpunkt die „Offizielle Stadtmeisterschaft" in starker Besetzung, wie der Besuch der Schachfreunde aus der ungarischen Schwesterstadt und Schachhochburg Kecskemet vom 25. bis 27. Juni stehen.

 

Kerpens langjähriger Mitstreiter, der 2. Vorsitzende des Schachvereins, Karl-Heinz Quetsch, legte Anfang des Jahres bei der Hauptversammlung sein Amt in jüngere Hände. Rainer Flecken ist der Nachfolger.

 

Auf den Besuch ihrer ungarischen Schachfreunde freuen sich die Rüsselsheimer besonders. Sie verbindet eine herzliche Freundschaft, die längst schon über die Begegnungen an den Schachbrettern hinausgeht, zu zahlreichen familiären Kontakten führte.

 

Die Ungarn verstehen es zu feiern, lieben ihre Musik, gutes Essen und sie werden ihren „Balack Palinka" mitbringen. Jenes Getränk, das nicht nur der Verdauung zugute kommt, sondern auch die Stimmung anheizt. Hessische Spezialitäten warten auf die Freunde aus der weiten Pußta. Der Rüsselsheimer Verein will bei dieser Gelegenheit und bei den diversen Veranstaltungen vor allem auch junge, interessierte Schachfreunde ansprechen und anziehen. Nachwuchs ist dringend gefordert wie die Vereinsentwicklung zeigt.

 

Es brauchte schon einiger Anstöße, ehe es zur Gründung eines Schachvereins kam, dessen erklärtes Ziel in erster Linie die Ausbildung der Hobbyspieler zu Turnierspielern war, was man relativ schnell erreichte. Die Wiege stand in der Elbestraße, im Café „Odeon" der Familie Dörfer, wo sich seit Ende 1928 regelmäßig einige Rüsselsheimer trafen, um buchstäblich auch ihre Langeweile zu vertreiben. Die Zahl der Arbeitslosen war hoch. In dem kleinen Café, am Auslauf zur Haßlocher Straße, zwischen dämpfenden Plüschvorhängen und Separöes, im fahlen Licht, kreisten die Gedanken um das königliche Spiel.

 

Eine zuerst lose Verbindung zwischen den Schachbegeisterten war Vorläufer zur Vereinsgründung, an der der Flörsheimer Schachspieler Heinrich Finger großen Anteil hatte. Er gründete dort die Main-Taunus-Schachvereinigung, der auch weitere Gründungen rund um Rüsselsheim folgten.

 

Das Gründungsprotokoll verzeichnet zwischen dem 1. März und 15. Mai 1929 -dem Gründungstag - zahlreiche Zugänge, die Auflistung bekannter Rüsselsheimer Namen. Gründer und erster Vorsitzender wurde Peter Gassner, die Mitgründer Alfred Mayer sind als Kassenwart, Philipp Müller als Schriftführer und Ludwig Diesner als Beisitzer genannt.

Sie hatten die Geschicke des Vereins in die Hand genommen; Valentin Hörr, August Bender, Karl Fachinetti, Heinrich Lenz, Max Schmidt, Karl Hechler, Georg Wagner, Toni Wilde, Franz Lerch, Toni Oswald, Robert Doll, Georg Glas, Philipp Wagner, Philip Hechler, Hermann Schwarz, Heinrich Schäfer, Philipp Arras, Philipp Treusch, Wilhelm Bardonner, Willi Allgaier, eingeschlossen Ludwig Bauer und Jakob Müller.

 

Sie legten die Lunte der Schachbegeisterung, die sich bald zum Flächenbrand ausdehnte. Das Odeon war längst zu klein. Nach einem Intermezzo im Lokal Stiehl in der Waldstraße kam das langjährige Domizil mit Mainblick, Rudolf Holz' Mainlust, dann das bekannte Speiselokal mit Sälchen Schaab-Louis, danach die Stadthalle als neues größeres Veranstaltungslokal. Heute sind sie Im Treff beim Theater zuhause, wo auch alle Gruppierungen ihre Wochenstunden abhalten.

 

Unangemeldeten Besuchern rät Karlheinz Quetsch recht kräftig und lange zu klingeln". Man möchte keinen Interessenten missen. Wobei die Verständigungsschwierigkeit nicht an der Tatsache liegt, daß sich ein Schachfreund am Brett kaum in der Konzentration stören läßt. Die Türen zum Saal 101 sind einfach geschlossen. Donnerstags treffen sich dort die Senioren, am Freitag die Jugendlichen.

 

Die Zeit, in der sich auch Damen dem Spiel widmeten, ist - lange vorbei. Geblieben ist alleine Ruth Warnke, die weiterhin ihrer Leidenschaft in den Schachstunden frönt. Alfred Mayer, inzwischen 90 Jahre alt, ist übrigens das letzte lebende Gründungsmitglied.

Die fünfziger und 60iger Jahre waren die Blütezeit des Schachvereins. Bis 120 Mitglieder hatten sich eingeschrieben. Der Verein schaffte die 2. Bundesliga, brachte eine Fülle großartiger Talente heraus, zu denen auch Franz Stimpel gehörte, der heute für Wiesbaden in „höheren Gefilden" spielt.

 

Nun zählt der Verein noch sechzig Mitglieder. Nach wie vor widmen sie sich aber noch großen Aufgaben, Turnierleiter Karlheinz Quetsch beschäftigt sich mit der Organisation von etwa zehn Turnierveranstaltungen pro Jahr. Wir haben sie ausgebildet, dann sind sie gegangen, die Jungtalente", sagte Quetsch ein wenig enttäuscht. Entweder sagten sie dem Schachspiel ade oder wechselten in Schachzentren, die einen schnelleren Aufstieg erwarten ließen.

 

Hauptgegner aber sei die Unterhaltungsindustrie gewesen. Das abendliche Fernsehen lenkt ab, verführt. Mit der Einführung der Projektwochen an den Schulen, die bei den Schülern großes Interesse wecken und weiteren Werbemaßnahmen will man den Versuch unternehnem, aus dem zeitbedingten Tal wieder herauszufinden.

 

Die mit intensivem Eifer und großer Genauigkeit von Vereinsoberen wie den zuständigen Schriftführern über die 70 Jahre hinweg getätigten Aufzeichnungen geben so manche liebenswerte Geschichte preis. Um die finanzielle Basis, den Grundstock zur Anschaffung der vielen Gerätschaften zu garantieren‚ führten die Gründungsmitglieder per einmütigem Beschluß einen Monatsbeitrag von dreißig Pfennigen ein.

Unvergessen bleiben wird Ernst Kramer, bekannter Friseurmeister und brillanter Schachlehrer, eine Institution. Er widmete über viele Jahre hinweg seine Freizeit der Ausbildung junger Schachspieler, auch an den Schulen. Schon 1954 veranstaltete der Verein die Begegnung zwischen den Ländervertretungen von Deutschland und Jugoslawien. 1937 gewannen die Rüsselsheimer die Gaumeisterschaft, indem sie den ansonsten überstarken Hofheimern mit 7:1 Punkten den Titeln verwehrten. Von Brett 1 bis 8 waren Jahn, Diesner, Max Schmidt, Kramer, Wendel, Adolf Schmidt, Mayer und Gassner am Werk. Das Erreichen der Landesklasse nebst Meisterschaft war der nächste Streich.

 

Einer der Höhepunkte: Der Simultankampf - einer gegen alle - an 60 Brettern mit Weltmeister Tigran Petrosjan und Großmeister Paul Keres (beide Rußland) gegen die besten Spieler aus Rüsselsheim und dem Rhein-Main-Gebiet. Ein ganz persönliches Erfolgserlebnis. Der Sieg von Eugen Kerpen über den russischen Vizeweltmeister Bogoljubow und dessen schriftliche Anerkennung auf dem Meldezettel „Ich gratuliere".

 

Der Verein nennt die Jugendlichen Schnäbele und Rau, Gerbig und Wahedi als große Talente, die den Sprung in die Eliteklasse erreicht oder vor sich hätten. Eugen Kerpen legt Wert auf die Feststellung, daß sich der Verein um Schachfreunde aller Nationalitäten bemühe. Derzeit sind sechs Nationen unter den Mitgliedern, eine multikulturelle Arbeit ohne Frage nach irgendeiner Nationalität und Herkunft. Ludwig Diesner und Franz Stimpel brachten es auf ein Dutzend und mehr Vereins- und Pokalmeisterschaften, sie dominierten die Siegerlisten. Den Erfolgsweg-des Clubs, der er trotz einiger Schwankungen immer war, beeinflußte auch der Vorsitzende Josef Schramek entscheidend.